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Der Süden" von Jorge Luis Borges
Juan Dahlmann stands alone on a rural Argentine train platform, surrounded by the vast countryside at sunset. The golden light of the fading sun casts long shadows across the platform, marking the beginning of his journey into the south.

Über die Geschichte: Der Süden" von Jorge Luis Borges ist ein Realistic Fiction aus argentina, der im 20th-century spielt. Diese Descriptive Erzählung erforscht Themen wie Loss und ist geeignet für Adults. Sie bietet Cultural Einblicke. Eine Reise in den argentinischen Süden offenbart unerwartete Wahrheiten und Konfrontationen.

Die Reise begann im Herbst 1939. Juan Dahlmann, der Enkel von Johannes Dahlmann, einem deutschen Einwanderer, der sich im 19. Jahrhundert in Argentinien niedergelassen hatte, konnte endlich seinen Traum verwirklichen, Zeit auf dem ländlichen Anwesen seiner Familie im Süden zu verbringen. Jahrelang hatte Juan unermüdlich als Bibliothekar in Buenos Aires gearbeitet, doch er hegte stets ein idealisiertes Bild seines Elternhauses und stellte es sich als Symbol sowohl seines Erbes als auch seiner persönlichen Identität vor.

Seine Geschichte, wie so viele andere, beginnt mit einem unerwarteten Ereignis – einem Buch. Dahlmann hatte gerade eine seltene Ausgabe von *Tausendundeine Nacht* erworben und, in seiner Eile, es zu lesen, achtete er nicht darauf, wo er hin ging. Er stieß mit dem Kopf gegen eine halb geöffnete Tür und zog sich eine Verletzung zu, die zunächst trivial schien, aber schnell ernst wurde und zu einer langwierigen und lebensbedrohlichen Krankheit führte.

Der Sturz und die Genesung

Dahlmanns Krankheit war ein Schlag für seinen Geist. Tagelang tanzte er zwischen Leben und Tod, verloren im Delirium, während die Ärzte versuchten, eine Infektion zu behandeln, die sich nach seiner Kopfverletzung eingestellt hatte. Es war eine Zeit fieberhafter Träume, ein Dunst endloser Nächte und schmerzhafter Momente des Bewusstseins. Manchmal fühlte sich Dahlmann, als ob er in die Tiefen der Zeit absinken würde, wo seine Vorfahren ihn zu rufen schienen.

Erst viele Monate später erholte sich Dahlmann. Sein Körper war geschwächt, aber sein Geist war noch immer von einem einzigen Wunsch erfüllt: das Familienranch im Süden zu besuchen. Er glaubte, dass die frische Luft des Landlebens, die weiten offenen Flächen und die Ruhe des ländlichen Lebens ihm helfen würden, seine Kräfte wiederzuerlangen und seine Seele zu heilen.

Endlich, im Spätsommer, war Dahlmann gesund genug, die Reise anzutreten. Er bestieg den Zug, der ihn nach Süden bringen sollte, ausgestattet nur mit ein paar notwendigen Dingen und seiner wertvollen Ausgabe von *Tausendundeine Nacht*. Der Süden war nicht länger nur ein Traum – er war nun ein greifbares Ziel, und Dahlmann war erfüllt von einer Mischung aus Aufregung und Beklommenheit, als der Zug langsam die Stadt verließ und in die offenen Ebenen einfährt.

Während die Stadt in der Ferne verschwand, spürte Dahlmann, wie die Last seiner Krankheit von seinen Schultern fiel. Die Landschaft außerhalb des Zugfensters – Felder mit wildem Gras, die sich endlos bis zum Horizont erstreckten – war ein Balsam für seine ermüdeten Seele. Er reiste zu seinen Wurzeln, zum Land, in dem seine Vorfahren ihr Leben aufgebaut hatten. Zum ersten Mal seit Monaten fühlte Dahlmann einen Sinn von Frieden.

Ein Zug fährt durch die argentinischen Ebenen, während Juan Dahlmann aus dem Fenster schaut, in Gedanken versunken.
Der Zug fährt ständig durch die endlosen argentinischen Ebenen, während Dahlmann aus dem Fenster blickt und über seine Vergangenheit und Zukunft nachdenkt.

Der Zug nach Süden

Die Zugfahrt war lang und ereignislos. Dahlmann verbrachte die meiste Zeit damit, aus dem Fenster zu schauen und das Land zu beobachten, wie der Zug weiter nach Süden fuhr. Zunächst war die Landschaft vertraut – grüne Felder, kleine Städte und verstreute Bäume – doch je tiefer der Zug ins Landesinnere vordrang, desto öder wurde die Szenerie. Die Vegetation wurde dünner, die Städte kleiner, und der Horizont schien sich endlos zu dehnen.

Dahlmann dachte an seine Vorfahren, als der Zug durch die weiten Pampas fuhr. Er erinnerte sich an die Geschichten, die ihm sein Großvater über das alte Ranch im Süden erzählt hatte, über die harte Arbeit und die Isolation des Lebens an der Grenze. Damals war der Süden ein wildes und gefährliches Gebiet, ein Land der Gauchos und Gesetzlosen, wo Männer von ihrem Verstand und ihrer Stärke lebten.

Aber das war lange her. Heute war der Süden ein Ort des Friedens, eine ruhige Zuflucht vor dem Trubel der Stadt. Dahlmann stellte sich das Ranch als einen Zufluchtsort vor, einen Ort, an dem er sich ausruhen und erholen konnte, fernab vom Lärm und Chaos Buenos Aires'.

Als die Sonne zu untergehen begann, hielt der Zug an einem kleinen Bahnhof. Dahlmann stieg auf das Bahnsteig, um seine Beine zu vertreten. Die Luft war nun kühler, und der Himmel war in die Rosa- und Orangetöne des Sonnenuntergangs getaucht. Der Bahnhof war still, und nur wenige andere Passagiere schwirrten umher. Dahlmann verspürte ein seltsames Gefühl der Erwartung, als ob etwas Wichtiges geschehen würde, obwohl er nicht sagen konnte, was.

Als der Zug seine Fahrt fortsetzte, kehrte Dahlmann zu seinem Sitzplatz zurück und öffnete sein Buch. Er hatte *Tausendundeine Nacht* seit seiner Krankheit bei sich getragen, aber noch keine Zeit gefunden, es zu lesen. Jetzt, während der Zug sanft über die Schienen schaukelte, verlor er sich in den Geschichten alter Könige und magischer Länder.

Es war fast Mitternacht, als der Zug endlich an Dahlmanns Ziel ankam. Er stieg aus und blickte sich um. Der Bahnhof war klein und dunkel, mit nur wenigen schwach beleuchteten Lichtern, die lange Schatten über das Bahnsteig warfen. Niemand erwartete ihn, was keine Überraschung war – Dahlmann hatte niemandem von seiner Ankunft erzählt. Er nahm seine Tasche und begann, zur Ausfahrt zu gehen.

Als er hinaustrat, wurde Dahlmann von der Stille der Nacht überwältigt. Die Luft war kühl und klar, und die Sterne funkelten hell am Himmel. Die Landschaft erstreckte sich vor ihm, dunkel und still, und für einen Moment empfand Dahlmann ein tiefes Gefühl der Einsamkeit.

Die Taverne im Süden

Dahlmann ging stundenlang entlang der staubigen Straße vom Bahnhof zum Ranch. Die Nacht war ruhig, abgesehen vom gelegentlichen Rascheln der Blätter oder dem fernen Ruf einer Eule. Die Straße schien endlos, und Dahlmann spürte die Müdigkeit seiner Reise.

Gerade als er dachte, er könnte vor Erschöpfung zusammenbrechen, sah Dahlmann das schwache Leuchten von Lichtern in der Ferne. Als er näher kam, erkannte er, dass es eine kleine Taverne war, eingebettet an den Straßenrand. Es war ein einfaches Gebäude, mit weiß getünchten Wänden und einem Strohdach, aber es war ein willkommener Anblick.

Dahlmann trat ein, dankbar für die Wärme und das Licht. Die Taverne war fast leer, abgesehen von ein paar Männern, die an einem Tisch in der Ecke saßen. Die Luft war dick vom Geruch nach Tabak und Holzrauch, und im Hintergrund war leise das Geräusch einer Gitarre zu hören. Dahlmann bestellte ein Getränk und setzte sich an einen Tisch in der Nähe des Fensters.

Während er an seinem Getränk nippte, spürte Dahlmann, wie die Erschöpfung der Reise langsam verschwand. Die Wärme des Feuers und das leise Murmeln der Stimmen in der Taverne beruhigten ihn, und zum ersten Mal seit Tagen fühlte er sich wirklich entspannt.

Doch sein Frieden war nur von kurzer Dauer. Aus dem Augenwinkel bemerkte Dahlmann, dass einer der Männer am Tisch ihn beobachtete. Der Mann war groß und breitschultrig, mit einem wettergegerbten Gesicht und einem dicken schwarzen Schnurrbart. Irgendetwas an seinem Blick ließ Dahlmann unbehaglich fühlen.

Der Mann stand auf und ging zu Dahlmanns Tisch. Er blieb vor ihm stehen und blickte herab mit einem höhnischen Grinsen. „Was verschlägt einen Stadtjungen wie dich hierher?“ fragte der Mann mit raubender und spöttischer Stimme.

Dahlmann versuchte, ihn zu ignorieren, doch der Mann ließ nicht locker. „Dazugehört hast du nicht hier,“ sagte er, nun lauter. „Dies ist kein Ort für einen sanften Stadtmenschen.“

Die anderen Männer in der Taverne richteten ihre Blicke auf ihn, und Dahlmann spürte ihre Augen auf sich. Sein Herz raste, aber er bemühte sich, ruhig zu bleiben. Er wusste, dass es sinnlos war, mit dem Mann zu streiten.

Ohne ein Wort stand Dahlmann auf und ging zur Tür. Doch bevor er gehen konnte, packte der Mann ihn am Arm. „Ich bin noch nicht fertig mit dir,“ sagte er und zog fester.

Dahlmann drehte sich zu ihm um, seine Augen kalt und fest. „Lass mich los,“ sagte er leise.

Einen Moment lang zögerte der Mann, dann ließ er los und trat zurück. Dahlmann ging aus der Taverne, sein Herz pochte in seiner Brust.

In einer schwach beleuchteten argentinischen Taverne sitzt Juan Dahlmann allein neben einem Fenster und spürt eine angespannte Atmosphäre.
Dahlmann sitzt allein in einer kleinen Kneipe, umgeben von Fremden. Das schwache Licht und die gedämpften Stimmen schaffen eine angespannte und unbehagliche Atmosphäre.

Das Duell

Dahlmann ging die Straße entlang und versuchte, die Begegnung in der Taverne abzuschütteln. Er konnte immer noch die Augen des Mannes auf sich spüren, und die Erinnerung an dessen spöttische Stimme hallte in seinen Ohren. Doch während er weiterging, wurde die Nacht stiller, und bald war die Taverne weit hinter ihm.

Er war fast am Ranch angekommen, als er Schritte hinter sich hörte. Dahlmann drehte sich um und sah den Mann aus der Taverne, begleitet von zwei weiteren, die auf ihn zukamen. Sie lachten und sprachen laut, und ihre Stimmen trugen sich in die stille Nachtluft.

Dahlmanns Herz sank. Er wusste, was kommen würde.

Die Männer holten ihn ein, und derjenige, der ihn in der Taverne verspottet hatte, trat vor. „Ich sagte dir, wir sind noch nicht fertig,“ sagte er mit leiser, bedrohlicher Stimme.

Dahlmann antwortete nicht. Er wusste, dass es sinnlos war, mit diesen Männern zu streiten. Sie hatten sich bereits entschieden.

Ohne Vorwarnung zog der Mann ein Messer aus seinem Gürtel und warf es zu Dahlmanns Füßen. „Lassen wir dies wie Männer klären,“ sagte er mit einem grausamen Lächeln auf den Lippen.

Dahlmann starrte einen Moment lang auf das Messer, sein Geist raste. Er war noch nie zuvor in einem Kampf gewesen, geschweige denn in einem Messerduell. Aber er wusste, dass es keinen Ausweg gab. Wenn er sich weigerte, würden die Männer ihn verspotten, und er würde es nie vergessen können.

Mit schwerem Herzen beugte sich Dahlmann herunter und hob das Messer auf. Das Gewicht der Klinge in seiner Hand fühlte sich fremd und unnatürlich an. Er blickte den Mann gegenüber an, dessen Gesicht sich in ein höhnisches Grinsen verzog, und wusste, dass er über seine Verhältnisse hinaus war.

Die beiden Männer stellten sich gegenüber, ihre Augen fest verschlungen. Einen Moment lang schien die Welt stillzustehen. Die Nacht war ruhig, und das einzige Geräusch war das leise Rascheln des Windes im Gras.

Dann, ohne Vorwarnung, stürzte sich der Mann auf Dahlmann. Die Klinge blitzte im Mondlicht, als er nach ihm schlug, doch Dahlmann schaffte es, dem Schlag auszuweichen. Sein Herz raste, während er versuchte, Abstand zu halten, aber der Mann war unerbittlich und griff immer wieder mit brutaler Kraft an.

Dahlmann spürte, wie die Panik in seiner Brust aufstieg. Er hatte keine Erfahrung mit Messern, keine Kampffertigkeiten, und er wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis der Mann einen tödlichen Treffer landen würde.

Doch dann geschah etwas Seltsames. Während der Kampf andauerte, fühlte Dahlmann eine Veränderung in sich aufsteigen. Die Angst, die ihn zu Beginn des Duells erfasst hatte, begann zu schwinden und wurde durch eine seltsame Ruhe ersetzt. Er dachte nicht mehr an Gewinnen oder Verlieren, an Leben oder Tod. Er bewegte sich einfach, reagierte auf die Angriffe des Mannes ohne zu überlegen oder zu zögern.

Was wie Stunden wirkte, umkreisten die beiden Männer einander, ihre Messer blitzten in der Dunkelheit. Dann, in einer schnellen Bewegung, schlug Dahlmann zu. Die Klinge versenkte sich in die Seite des Mannes, und dieser taumelte zurück, seine Augen voller Schock.

Die Begleiter des Mannes eilten ihm zur Seite, doch es war zu spät. Er brach zusammen und fiel zu Boden, sein Blut färbte das Gras unter ihm.

Dahlmann stand da, die Brust heftig auf- und abbewegend, das Messer immer noch in seiner Hand. Er hatte gewonnen, doch es gab kein Gefühl des Sieges, kein Triumphgefühl. Nur eine tiefe, hohle Leere.

Ohne ein Wort drehte sich Dahlmann um und ging davon, die Männer hinter sich lassend.

Drei Männer, darunter Dahlmann, stehen in einem Kreis auf einem ländlichen Weg und bereiten sich unter dem Mondschein auf einen Messerduell vor.
Unter dem moonlit Himmel steht Dahlmann einem gefährlichen Gegner in einem angespannten Messerduell auf einer verlassenen Landstraße gegenüber, wo das Überleben zum einzigen Gesetz wird.

Die Rückkehr nach Hause

Dahlmann erreichte das Ranch gerade, als die Sonne begann aufzugehen. Der Himmel zeigte ein blasses Rosa, und die ersten Lichtstrahlen brachen am Horizont hervor. Die Luft war kühl und still, und die Welt schien den Atem anzuhalten.

Als er auf die Veranda des alten Hauses trat, überkam Dahlmann eine Welle der Erschöpfung. Sein Körper schmerzte von der langen Reise, und sein Geist war noch immer von den Ereignissen der Nacht erschüttert. Er sank auf die Stufen und vergrub sein Gesicht in seinen Händen.

Lange Zeit saß Dahlmann dort, verloren in Gedanken. Die Ereignisse der Nacht spielten immer wieder in seinem Kopf ab, und er fand sich dabei, alles zu hinterfragen, was er jemals über sich selbst und die Welt geglaubt hatte.

Er war in den Süden gekommen, um Frieden zu suchen, eine Verbindung zu seiner Vergangenheit herzustellen, aber alles, was er gefunden hatte, war Gewalt und Tod. Der Süden war kein idyllischer Rückzugsort, wie er es sich vorgestellt hatte – es war ein Ort der Gefahr, ein Ort, an dem Männer immer noch mit dem Messer lebten und starben.

Dahlmann hatte sich immer als zivilisierten Mann betrachtet, als Stadtmensch, doch jetzt war er sich nicht mehr so sicher. Das Duell hatte etwas in ihm erweckt, etwas Dunkles und Urzeitliches. Er hatte einen Mann getötet, und obwohl es zur Selbstverteidigung gewesen war, wusste er, dass sein Leben nie mehr dasselbe sein würde.

Als die Sonne höher am Himmel stieg, stand Dahlmann auf und ging ins Haus. Das Haus war ruhig und leer, genau wie er es verlassen hatte. Er wanderte durch die Räume, berührte die Möbel, die Wände, die Fenster, als versuchte er, die Geschichte des Ortes aufzusaugen.

Schließlich blieb er vor einem großen Fenster stehen, das über die Felder blickte. Das Gras war hoch und wild, sanft im Wind wehend. In der Ferne konnte er die schwache Umriss der Berge sehen, deren Gipfel in Nebel gehüllt waren.

Dahlmann stand lange Zeit dort und starrte auf das Land, das einst seinen Vorfahren gehört hatte. Er dachte an seinen Großvater, an die langen Tage, die er auf dem Land gearbeitet hatte, an die Schwierigkeiten und die Freuden des Lebens im Süden.

Und er erkannte, dass er nicht so anders war als die Männer, die vor ihm gekommen waren. Er war ein Teil dieses Landes, ein Teil seiner Geschichte. Der Süden hatte ihn beansprucht, genauso wie seine Vorfahren.

Mit einem tiefen Seufzer drehte sich Dahlmann vom Fenster weg und ging zur Tür. Der Süden war kein Traum mehr – er war seine Realität. Und er würde damit leben müssen.

Juan Dahlmann steht an der Veranda einer Ranch im Sonnenaufgang und blickt über weite Felder mit hohen Gräsern und entfernten Bergen.
Als die Sonne über die Ranch aufgeht, steht Dahlmann auf der Veranda und denkt über seine Reise und die Vergangenheit nach, die ihn hierhergeführt hat.

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